29.08.2025 --- 17.10.2025
Im August 1974 kam der Franzose Serge Le Goff nach Tübingen um 1 Jahr Militärdienst zu absolvieren.
Ende August 1975 entscheidet er in der Universitätsstadt zu bleiben.
Ab 1. September 2025 wird er seit einem halben Jahrhundert in der, wie Walter Jens schreibt, "kleinen großen Stadt Tübingen" leben.
Um dieses Jubiläum zu feiern, wird der Künstler Serge Le Goff 50 Tage lang ein Kunstprojekt unter der Form "Work in Progress" in der Shedhalle (Mensa) Tübingen durchführen.
50 Tage, ein Tag pro Jahr, von der Schlüsselübergabe bis zur Rückgabe des Hallenschlüssels.
Der Künstler wird dort 4 Tage pro Woche (Mittwoch bis Samstag) arbeiten und das Publikum von 18:00 bis 22:00 Uhr empfangen.
Der Titel der Ausstellung ist in den Zeichen des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) geschrieben.
Projektlaufzeit: 29. August bis 17. Oktober 2025
Vernissage:
11. September 2025 um 18:00 Uhr
Musik: Patrick Mayran
http://www.mayran-art.com
Begrüßung: Oberbürgermeister Boris Palmer
Einführungsrede: Frau Ulrike Pfeil.
Finissage:
14. Oktober 2025 um 18:00 Uhr
Musik: Friedemann Dähn und Thomas Maos
https://www.friedstyle.com
https://www.elektrogitarre.de
Künstlerisch Technischer Assistent: Jan Groeneveld.
Ich bedanke mich bei die Stadt Tübingen, der Kreissparkasse, beim Regierungspräsidium sowie beim Landratsamt Tübingen, den Institut culturel franco-allemand und ShedhalleTübingen e.V. für die Unterstützung des Projekts.
Außerdem bei den Firmen:
Als Sponsoren des Projekts.
Einführung zur Ausstellung in der Shedhalle
Liebe Künstlerinnen, Mäzeninnen, Sponsorinnen, Kunstliebhaberinnen, liebe Frankophile, liebe Besucherinnen aus einfacher Neugier (Männer fühlen sich bitte jeweils mitgemeint), lieber Serge.
Es muss vielleicht erklärt werden, warum ausgerechnet ich hier die Jubiläumsausstellung von Serge Le Goff eröffnen darf. Ich bin keine ausgewiesene Kunstexpertin, und eine Bekannte fragte mich tatsächlich, als sie hörte, dass ich hier eine Rede halten soll: „Kannsch du des?“
Das weiß ich selber auch nicht, aber ich vermute, dass ich weiß, warum Serge mich gefragt hat. Das heißt, er hat mich gar nicht gefragt. Mein Name stand zu meiner Überraschung auf der gedruckten Einladung, aber wer kann Serge schon etwas abschlagen....?
Wie Sie wissen, feiern wir hier „50 Jahre Serge Le Goff in Tübingen“, und tatsächlich kennen Serge und ich einander genauso lang. Wenn ich also auch keine Kunst-Expertin bin, so bin ich doch vielleicht eine Expertin für die Person Le Goff und sein Wirken in Tübingen.
Serge ist bekanntlich in den 1970er Jahren durch den französischen Militärdienst nach Tübingen gekommen, er wurde in Paris mitten aus dem Literaturstudium gerissen. Er war einer der ganz wenigen französischen Rekruten, die sich auch für die Stadt um die Garnison herum interessierten, und als seine Militärzeit vorbei war, wollte er in Tübingen bleiben. Frisch entlassen, schlug er als Untermieter für eine Übergangszeit in meiner damaligen Frauen-WG auf. Und blieb über diesen Aufenthalt hinaus eine Art Hausfreund.
Serge sagt ja gern, dass er eigentlich als Künstler ein Produkt der Lokalpresse sei. Ich war damals neu als Mitarbeiterin beim Schwäbischen Tagblatt und bin also mitschuldig. Einer meiner ersten, auf jeden Fall einer meiner witzigsten Termine war eine Kunstausstellung, in der Serge als „Professeur Docteur Furibon Débile“ sein erstes Instant-Objekt vorstellte: einen „feministischen Bierkasten“ ganz in lila.
Generationen von Tagblatt-Reporterinnen (Männer wieder eingeschlossen) haben danach an den Tübinger Performances und Aktionen von Furibon Débile ihren Sinn für vordergründig sinnfreie, nämlich absurde Kunst geschult, übrigens mit den unterschiedlichsten Namens-Schreibweisen, mal hieß er Foribun, mal war der Akzent auf dem hinteren e von Débile, also Debilé. Vielleicht hat das Serge so genervt, dass er eines Tages diesen Professeur still und leise sterben ließ.
Schade eigentlich, denn wir erinnern uns doch gern an seine teils komischen, teils verstörenden Aktionen, an sein zum absurden Raum ohne Schwerkraft umgestaltetes Zimmer mit der Kloschüssel als Zentrum, ein Kritiker schrieb: „... fassbar, spürbar, sichtbar, hörbar. Kein Geruch von Transzendenz, keine nihilistische Innerlichkeit, dafür nackte Stromdrähte unter 220 Volt Spannung.“
Oder denken wir an seine witzigen Straßenaktionen mit Koho Mori, an seine Theaterstücke und das Geheimnis um die „rothaarige Frau“, an die „Nicht-Fasnet“ am Rosenmontag im Café Nass, das mal für kurze Zeit ein alternatives Kulturzentrum war. Mal forderte Furibon Débile das „Recht auf Faulenzen“ mit Kontonummer für Spenden, es gingen aber nur eine Mark 99 ein, ein früher Versuch, das bedingungslose Gundeinkommen individuell zu realisieren, gescheitert. Mal verteilte er 20-Mark-Scheine und Piccolo-Fläschchen an Passanten. Oder verkaufte Küsse auf dem Marktplatz, 5 Mark das Stück. Oder ließ die Bildschirme von 55 ausrangierten Computern in einem alten Elektrizitätswerk in Mössingen flackern. Serge brachte es auch fertig, in einer Hausnummer 999 zu wohnen, obwohl es die weder am Lichtenberger Weg noch sonstwo in Tübingen gab. Der Postbote fand das Gartenhaus trotzdem.
War es Kunst oder nicht? Die Debatte darüber begleitete Tübingen über Jahrzehnte und fand sogar Eingang in einen gezeichneten Sommerroman des Karikaturisten Sepp Buchegger. Auf „Bürgerschreck“ immerhin konnten sich die Medien irgendwann einigen. Aber: „Revolte“, schrieb ein Kritiker, „ist bei ihm nie trocken, immer mit einem Lächeln. Am Rande erscheint sie eher als eine lustvolle, ohne aber ihre imperative Radikalität preiszugeben.“
Übrigens ist Serge ja nicht nur Künstler, sondern auch ein praktizierender Lebenskünstler. Ja, die Tübingerinnen und Tübinger schlossen ihn auch dafür ins Herz. Einmal, weil sie seit Hölderlin einen Sinn für alle Unangepassten haben, die ja eigentlich nur die Eintönigkeit des „Normalen“ bloßstellen. Dann aber auch: Ein Pariser, der Tübingen der französischen Hauptstadt vorzieht – mehr Schmeichelei für den Tübinger Lokalpatriotismus geht wohl kaum.
Der Sinn für Lebenskunst ist auch eine Gemeinsamkeit zwischen Tübingen und Paris. Neulich las ich von Ali Akbar, einem Mann aus Pakistan, der seit 50 (!) Jahren „Le Monde“ und andere Zeitungen in den Pariser Bars und Cafés verkauft, er ist wie Serge hier eine stadtbekannte Institution dort, weil er die Leute mit selbst erfundenen, irren Schlagzeilen verarscht, wie Serge sagen würde, etwa „Sie kommt! Die Rente mit 35!“. So berühmt ist er, dass er schon von Emanuel Macron zum Essen eingeladen wurde und jetzt vom Präsidenten im Élysée mit dem höchsten Orden geehrt wird, der Medaille der Ehrenlegion. Also, Herr Palmer, da ist noch was drin....
Aber wir wollen uns nicht zu sehr in der Vergangenheit verlieren. Serge, der schon immer Neonfarben liebte und leuchtende Fluoreszenz – daher sein Beiname „bunter Vogel“, denn so kleidete er sich auch -, Serge wandelte sich über die Jahre zum Lichtkünstler. Wie farbiges Licht einen Raum verwandelt, ihm Weite, Rhythmus, Eleganz und – ja nun doch: eine immaterielle Transzendenz gibt, wie es Objekte belebt und auflädt, das können wir hier gleich sehen. Auch, wie der vorhandene Raum durch das Licht neu geformt wird, Rundungen bekommt. Oder, wie der verstorbene LTT-Schauspieler Gotthard Sinn einmal schrieb: Wie der eigene Körper in diesem Raum anders wahrgenommen wird. Es ist ein magisches Handwerk, und ebenso wie die früheren performativen Kunstwerke ist es für den Augenblick, vergänglich.
Sie können das gleich erleben, wenn das Licht aus- und die Lichter angehen und die Musik von Patrick Mayron dazu erklingt. Sehen Sie, wie der banale Raum sich verändert, geheimnisvoll und ätherisch wird. Man soll, sagt Serge, langsam herumwandeln, die Wege des Lichts, seine Brechungen und die Schatten beobachten, nach oben und unten schauen, auf die Muster, die sich am Boden bilden, und den farbigen Glanz auf den Belüftungsschächten. (Übrigens alles mit Lampen, die zwischen drei und 40 Watt verbrauchen, also energiesparend. Nebenbei ein Dank an Jan Groeneveld, der bei der Installation eine unverzichtbare Hilfe war. Und nochmal nebenbei ist die Aktion auch ein Plädoyer dafür, die Shedhalle als Kunst- und Experimentier-Raum zu erhalten.)
Betrachten Sie die Lichtmosaike, die wie schamanische Zeichen blinken. Aus der Tübinger Vergangenheit von Serge grüßt der alte Gürtel der Militär-Uniform und der Ast einer deutschen Eiche aus dem Gartenhaus. Entdecken Sie den früheren Dada-Serge, der aus der alten Mensa-Aufschrift „Automatenstation“ eine „Tomatenstation“ nebst passender Skulptur macht. Es hat schon eine tiefere Bedeutung, dass wir hier in der Shedhalle in einem Ort sind, der auch mal provisorisch „Mensa“ war, und wo noch Mensa draufsteht. Ohne die Mensa und den damals noch möglichen kostenlosen Nachschlag hätte Serge in Tübingen nicht überlebt.
Finden sie beim Umherschweifen die Chaos-Knäuel. Den Hinweis auf die Salatsoßen. Oder den Außerirdischen, der sich Van Goghs abgeschnittenes Ohr einverleibt hat und blöde auf einen beflügelten String-Tanga starrt.
Wenn es dann noch eines Beweises bedarf, dass Serge ein Künstler ist, dann würde ich sagen: Wie alle wahren Künstler ist er als junger Mann ausgezogen, um zu schockieren, Etabliertes herauszufordern, Konformität zu verweigern. Nun, im Alter, geht es ihm mehr darum, etwas Schönes zu schaffen, er lässt eine betrachtende Ruhe einkehren.
Und ich darf nun feststellen, dass ich als Nicht-Kunstfachfrau doch einen guten Instinkt besaß, als ich vor zirka 50 Jahren ein kleines Kunstwerk von Serge kaufte, natürlich für 'n Appel und 'n Ei, ein angedeutetes Porträt auf Bierdeckel in einem Kitsch-Rahmen. Eines der seltenen Kunstwerke von Serge, die die Zeit überdauern. Als ich es jetzt nochmal von der Wand nahm, stellte ich zu meinem Schrecken fest, dass er vergessen hat, es zu signieren. Deshalb habe ich es mitgebracht, bitte setze Deinen Namen drauf, lieber Serge, damit meine Kinder, wenn sie es einmal erben, von dem sicher enormen Wertzuwachs profitieren.
Nun zum Schluss, weil man zum Jubiläum ja auch gratulieren und etwas wünschen soll, bitte ich Sie, liebes Publikum, um Beteiligung an einer kleinen Performance. Serge, bitte komm nahe ans Mikro, und Sie alle sprechen mir nun bitte laut und kräftig nach:
Lieber Serge
wie soll es dir
die nächsten 50 Jahre gehen?
(Serge: Immer gut und perfekt, prima, exzellent, wunderbar, toll)
Ulrike Pfeil
Uhland-Plakette für Serge Le Goff
Die Uhland-Plakette geht in diesem Jahr an Serge Le Goff.
Im September vergangenen Jahres haben wir in der Shedhalle sein 50-jähriges Tübingen-Jubiläum gefeiert – mit einer beeindruckenden Lichtinstallation und einem künstlerischen Rückblick auf fünf Jahrzehnte in dieser Stadt. Die Vernissage-Rednerin Ulrike Pfeil zog dabei einen ebenso klugen wie humorvollen Vergleich: Sie erzählte von einem Zeitungsverkäufer in Paris, der seit fünfzig Jahren Cafés und Bars beliefert und dort zu einer stadtbekannten Institution geworden ist – berühmt für seine selbst erfundenen Schlagzeilen. So bekannt, dass er vom französischen Präsidenten ins Élysée eingeladen und schließlich mit der Medaille der Ehrenlegion ausgezeichnet wurde. Und sie schloss mit den Worten:
„Also, Herr Palmer – da ist noch was drin.“
Diesen Hinweis habe ich mir gemerkt.
Mit 23 Jahren, mitten im Studium der französischen Literaturwissenschaft, wurde Serge Le Goff zum Militärdienst eingezogen und in die Garnison nach Tübingen versetzt. Viele seiner Kameraden hatten mit der Stadt wenig im Sinn. Serge Le Goff war anders. Er interessierte sich für Tübingen, knüpfte Kontakte, machte beim Stadtleben mit. Und als der Militärdienst endete, blieb er hier.
Gemeinsam mit anderen brachte er etwas nach Tübingen, das es hier so noch nicht gegeben hatte: Performance-Kunst. Es folgten unübersehbare, vergängliche, provokante und oft witzige Aktionen im öffentlichen Raum – vom „Recht auf Faulenzen“ bis zum Küsseverkauf auf dem Marktplatz. Tübingen wurde seine Bühne – und ist es bis heute. Einige Spuren seines Wirkens sind dauerhaft sichtbar: etwa an der Fassade des Kulturamts oder im Tresorraum für Elektrische Kunst im ehemaligen Landratsamt.
Bekannt geworden ist Serge Le Goff besonders als Lichtkünstler. Mit fluoreszierenden Farben, grellen Kunststoffen und Neonlicht hat er ein unverwechselbares Markenzeichen geschaffen. Er verwandelt Räume, gibt ihnen Tiefe oder Begrenzung, lässt starre Objekte lebendig wirken und macht organisches Material zur Skulptur. Er spielt mit Gegensätzen, mit Überraschungen und mit der ständigen Veränderung des Lichts. Serge Le Goff ist aber nicht nur ein Künstler, der Räume verwandelt. Er ist ein Brückenbauer – zwischen Institutionen, Kulturschaffenden, Bürgerinnen und Bürgern, zwischen Tübingen und der Welt. Und er verkörpert die deutsch-französische Freundschaft. Auf die Frage, ob er sich heute als Franzose oder Deutscher fühlt, antwortet er:
„Ich bin Tübinger.“
Lieber Serge Le Goff, Tübingen wäre ohne Sie ärmer, grauer, langweiliger. Mit Ihnen ist es bunter, lebendiger und mutiger. Dafür danke ich Ihnen – persönlich und im Namen der Universitätsstadt Tübingen.
Es ist mir eine große Freude und Ehre, Ihnen heute die Uhland-Plakette der Universitätsstadt Tübingen zu verleihen.
Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen